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Interview des Abendblatt mit Michael Eberth und Nils Daniel Finckh ABENDBLATT: In der neuen Schauspielhaus-Inszenierung von "Romeo und Julia" ist nicht viel Shakespeare übrig geblieben. Sie stellen das Stück, seine Dramaturgie und seine Sprache bewusst auf den Kopf. Warum? Was will Ihre Art von Theater - und was wollen Sie ausdrücklich nicht? MICHAEL EBERTH: Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe die 90er-Jahre in Berlin verbracht und habe miterlebt, wie die Theater in einer Weise implodiert sind, die wir alle nicht fassen konnten. Es hat eine Stunde Null gegeben, was für mich die Konsequenz hatte, dass ich mich von meiner Generation, und davon, wie sie Theater macht, komplett verabschiedet habe. Der Weg, den Botho Strauss, Andrea Breth, Peymann und andere gegangen waren, war für mich zu Ende. Ich habe drei Jahre kein Theater mehr betreten. Eine Wiederkehr konnte für mich nur ein völlig neuer Anfang sein. ABENDBLATT: Können Sie beschreiben, wie der aussehen sollte? EBERTH: Kennen Sie den Satz von Novalis über die Verworrenen? Weil der Verworrene so viele Wege, auch Irrwege, geht, findet er als einziger Klarheit. Das sehe ich zum Beispiel in unserem Regisseur Sebastian Hartmann gegeben, den ich für unendlich begabt und unendlich verwirrt halte. ABENDBLATT: Verworrenheit allein ist doch aber kein Konzept. EBERTH: Wir wollen kein Theater, die in der Stadttheater-Seligkeit der hergebrachten Erzählweisen schwelgt. Stromberg und ich sind überzeugt, dass das nicht mehr geht. Das ist in einer Weise überholt, die wir alle noch gar nicht begriffen haben. Irgendwann, wenn wir in unseren Alterssitzen hocken, werden wir einen Verdienstorden dafür kriegen, dass wir dieses Spiel des Konsens, des Erlahmens nicht mitmachen. ABENDBLATT: Herr Finckh, Sie sind eigentlich Schauspieler, haben erst zwei Inszenierungen als Regisseur hinter sich: "Trainspotting" und "Romeo und Julia". Teilen Sie Herrn Eberths Sicht auf das Theater? NILS DANIEL FINCKH: Ich teile sie, aber ich habe auch meine eigene. Ich versuche, meinen Stücken eine Zeitlosigkeit zu geben. Und Liebe ist so ein zeitloses, ortsungebundenes Thema. Da brauche ich keinen Romeo als Ritter auf dem weißen Ross. ABENDBLATT: Was hat Sie denn so an "Romeo und Julia" gereizt? FINCKH: Die Sucht Jugendlicher nach Liebe, die ich in den letzten Jahren auf tragische Weise erfahren habe, als ich mich mit Jugendlichen über Liebe, Sehnsucht und Orientierungslosigkeit unterhalten habe. ABENDBLATT: Nun ist "Romeo und Julia" ja in der Regel an jedem Theater ein echter Publikumsmagnet. MICHAEL EBERTH: Es hat bei uns über Jahre Überlegungen gegeben, dieses Stück zu machen. Wir haben alle großen Regisseure gefragt, ob sie dieses Stück inszenieren wollen, sie haben alle nein gesagt, weil sie keinen Zugriff gefunden haben. Bis zwei Zufälle uns ereilten: Jana Schulz, die als Schauspielerin gegen das Klischee der Weiblichkeit operiert wir haben sogar überlegt, ob wir mit ihr den Romeo besetzen und dann Stadlober, der vollkommen das Muster der Männlichkeit verweigert. Wir haben gesagt: Wow, das ist es. ABENDBLATT: Deshalb kommt Shakespeares Liebesdrama auf den Spielplan? Weil zwei Schauspieler ihre Geschlechterrollen nicht annehmen? EBERTH: Beide Schauspieler erzählen viel durch ihre Körper und ihre Art. Der einzige Vorwurf, den man dieser Aufführung machen kann, ist der, dass Stadlober diese Verweigerung noch nicht so präsent machen kann. Ich denke aber, dass er das in einer der nächsten Aufführungen schaffen wird. Dann ist das genau der Weg, wie man dieses Stück heute erzählen muss. Und mit diesen hochgezüchteten Übersetzungsversuchen ins Rennen zu gehen, macht da keinen Sinn. So ist man diese ganzen Konventionen eines Klassikers mit einem Schlag los. ABENDBLATT: Genau darauf zielt unser Vorwurf an die Inszenierung: Sie ist sehr kopfig. Da werden dem Stück Ideen übergestülpt, die nicht die Ideen des Stückes sind. EBERTH: Doch. Diese beiden jungen Menschen verweigern die Muster, die ihnen die Gesellschaft vorgibt. Die Muster sehen heute vielleicht anders als zu Shakespeares Zeiten aus, sie werden von den Medien vorgegeben. FINCKH: Die Eltern stellen sich den Weg ihrer Kinder auf ganz bestimmte Weise vor und versuchen, das Kind in diesen Weg hinein zu pressen, woraus sich die Jugendlichen befreien wollen. ABENDBLATT: Dann verstehen wir noch weniger, wieso Sie in der Inszenierung auf Romeos Eltern verzichten. Die verkörpern doch die Gesellschaft. EBERTH: Nein, ich denke, dass wir das nicht in dieser historischen Erzählweise erzählen müssen. ABENDBLATT: Die Bühne ist die Welt der Zeichen. Wo ist das in Ihrer Inszenierung zu sehen? FINCKH: Das gibt es so nicht. Es geht nur darum, dass die Eltern blind sind für die Seelenzustände ihres eigenen Kindes. ABENDBLATT: Und warum lassen Sie die Schauspieler dauernd auf der Bühne nass werden? FINCKH: Wasser ist für mich ein Symbol für Leben, für etwas Fließendes. Ein kurzes Eintauchen ins Leben, was die Jugend aber nicht so befruchtet, dass sie ihren eigenen Weg gehen kann. ABENDBLATT: Muss man nicht erstmal gucken, was denn das Stück erzählt? EBERTH: Wir waren absolut glücklich, dass jemand mit seinem Körper das Stück erzählt. Wir wollten genau dieses Aufgebrezelte nicht. Keine typische Balkonszene, in der der Hauptdarsteller hoch und runter hechtet, keine Verse. Genau das ist nicht unser Theater. ABENDBLATT: Herr Finckh, für wen machen Sie denn Theater? FINCKH: Ich weiß, dass ich mit Stadlober Leute ins Theater bekomme, die da vorher vielleicht nie waren. Die möchte ich ansprechen. Aber ich will natürlich auch andere erreichen, vor allem die Eltern. Dass man über die Sprache des Theaters auch als Elternteil mit Fragen im Kopf nach Hause geht. ABENDBLATT: Die Meinungen bei Kritik und Zuschauern waren geteilt. Können Sie das verstehen? EBERTH: Die Aufführung hat das Problem, dass sie ab diesem magischen Moment der Begegnung von Romeo und Julia die Magie nicht halten kann. Wenn aber das gelingt, was ich auf einer Probe gesehen habe, wird das noch eine gigantische Aufführung. ABENDBLATT: Was zählt, ist nicht eine Probe, sondern die Premiere. EBERTH: Sicher. ABENDBLATT: Und wenn Sie von magischen Momenten sprechen: Leute, die in "Romeo und Julia" gehen, möchten doch auch etwas von der klassischen Rezeption sehen wenigstens die Antwort auf die Basisfrage: Ist diese Liebe glaubhaft? Wir glauben sie nicht, jedenfalls nicht dem Romeo. EBERTH: Ich sehe das ja ähnlich, aber die Kids, die hier jetzt rein rennen, brauchen dieses Zeichenhafte nicht. Die sehen das alles schon in dem enthalten, was Stadlober ihnen vorschlurft, wenn ich das mal so formulieren darf. Diese Form der Verweigerung und des Protests. Und dass Julia auch dazu da ist, ihn davon zu erlösen. ABENDBLATT: Und warum wird das von den Hamburger Zuschauern nicht einhellig honoriert? EBERTH: Unser Problem ist mittlerweile: Unsere Schauspieler gehen auf die Bühne und wissen schon, dass sie abgelehnt werden. Es hat sich eine Art Paranoia aufgebaut. Auch geschürt durch die Kampagne von Frau Horkov, die behauptet hat, das Schauspielhaus hätte ein Defizit. Wir haben kein Defizit. Wir werden einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Bei "Romeo und Julia" rennen sie uns die Bude ein. Heute habe ich zum ersten Mal in den zweieinhalb Jahren, in denen ich hier bin, eine Schlange vor der Theaterkasse gesehen. ABENDBLATT: Stadlober plus Shakespeare ist gleich Erfolg zumindest an der Kasse ... FINCKH: Dass die Reaktionen 50:50 sein würden, war mir vorher klar. Daher fühle ich mich absolut bestätigt in dem Weg, den ich gegangen bin. Es gibt schwache Augenblicke, die gilt es zu korrigieren, aber wir alle stehen voll hinter der Inszenierung. ABENDBLATT: Wenn Sie sagen, Sie haben 50:50-Reaktionen erwarten haben Sie einen Teil der Leute bewusst verstört? FINCKH: Ja. EBERTH: Das möchte ich so natürlich nicht unterschreiben. FINCKH: Es ist Diskussionsbedarf da. Das finde ich gut und sehr spannend. Wenn alle einer Meinung wären, käme man nicht in die Diskussion. Dann wären wir ja jetzt auch nicht hier. ABENDBLATT: Gibt es schon Angebote von anderen Theatern an Sie als Regisseur? FINCKH: Ja, die gibt es. Mein Kopf ist voller Ideen. ABENDBLATT: Verraten Sie uns, wo? FINCKH: Nein, noch nicht. EBERTH: Sicher auch bei uns. Das ist völlig selbstverständlich nach diesen beiden Arbeiten. |

