| sz theaterkritik - romeo und julia |
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Süddeutsche Zeitung, FEUILLETON, Dienstag, 20. Januar 2004, Ausgabe: Deutschland Seite 15 "Kindheit macht müde „Romeo und Julia“ I: Shakespeare in Hamburg Wassergraben überspannt, ist Julias Balkon. Dirk Thiele hat eine Bühne gebaut, die Verona nicht einmal als fernes Wunschbild ahnen lässt, sondern gleich von einer Trostlosigkeit erzählt, die keine Gründe braucht. Nils Daniel Finckh inszeniert „Romeo und Julia“ am Hamburger Schauspiel, hat das Personal auf eine neunköpfige Crew reduziert und eine neue Übersetzung gewählt, die aufhorchen lässt, zum Zuhören verführt. Gesine Danckwart verzichtet auf den Vers, lässt stattdessen eine No-Nonsens-Prosa sprechen, die fast nur aus ganz kurzen Sätzen besteht. Die können zu Pausen einladen, in denen Nachdenklichkeit und Poesie entsteht. Sie können aber auch vorüberjagen, hastig und ziellos wie die Jugend, um die es geht, und wenn sie auf den Punkt kommen, haben sie eine Lakonie, die voller Geheimnis ist. Vor allem jedoch plagt Gesine Danckwart ihr Publikum nicht mit den Unsäglichkeiten vieler moderner ShakespeareÜbersetzungen: Der Vers folgt aus Sicherheitsgründen, verschämt und leicht verlogen, immer noch den Spuren Schlegel/Tiecks. Die Prosa wanzt sich an eine regional getönte, ach so heutige Jugendsprache heran, die meist schon obsolet ist, wenn der Verfasser sein Werk beendet hat. Frau Danckwart meidet solche Eseleien. Aber: Die Hauptattraktion des Abends ist natürlich Robert Stadlober, der Romeo. Der 21-Jährige, zu Starruhm gekommen durch Filme wie „Crazy“ und „Verschwende deine Jugend“ . Er spielt zum ersten Mal eine so große Rolle in einem so großen Haus. Er intoniert sofort die Moll-Melodie des Abends. So jung und schon so erloschen, denkt man und erinnert sich, dass Stadlober neulich gesagt hat, für ihn sei Romeo ein „Hängertyp“. Er hat viel Zeit und, jedenfalls zu Beginn, die Entdeckung der Langsamkeit längst gemacht. Die verglühende Liebe zu Rosalinde versucht er sich noch einmal heiß zu reden. Ein etwas linkischer, tapsiger, hoch aufgeschossener Junge weiß nicht so recht, wohin mit sich.– Und dann ist da plötzlich Julia. Sie kommt aus der tiefsten Tiefe des Hintergrunds und trägt Hosen. Sie geht zu diesem seltsamen Wasserloch, zieht die Schuhe aus, watet herum und sieht Romeo. Sie sieht ihn gleich, und sie will ihn gleich. Julia, Jana Schulz, ist die treibende Kraft. Das muss niemand erfinden. Das kann jeder schon im Text finden.Sehr langsam, schleichend gehen sie aufeinander zu und entdecken mit schnellen, wühlenden Fingern auf dem Kopf des Gegenübers das eigene, gelgetönte Strubbelhaar. Julia scheint Romeos Zwillingsbruder, und erst wenn sie die ersten Worte spricht, verweht dieser Hauch des Androgynen. Sie reden, wie bei Shakespeare, vom Leben als einer großen Pilgerreise, vom Heiligtum des Kusses, und weil kein Ballsaal in der Nähe ist, keine feindliche Gesellschaft sie sichtbar ausgrenzt, müssen sie ihre Einsamkeit aus der eigenen Seele holen. Mit einer großen Lauterkeit tun sie das, scheinen zu wissen, dass von nun ab sich nie mehr Magie von ihrem Pfad entfernen wird. Doch es kommt anders. Romeo macht wieder den Voyeur und Schlaffi, steht nur so rum und interessiert sich aber auch für gar nichts. Das Timing bricht zusammen, hastet oder schleppt. Der Zweikampf Mercutio – Tybalt, also Tillbert Strahl-Schäfer – Guido Lamprecht verbeißt sich in eine nicht enden wollende Samurai-Akrobatik, die das Stück aus den Augen verliert. Von den Darstellern, die ja in all den Stromberg-Tagen nie zur erkennbaren Identität eines Ensembles gefunden haben, macht eigentlich nur Christiane von Poelnitz auf sich aufmerksam: ihre Amme ist keine komische Alte, sondern eine Frau, die das Leben kennt und ein großes Trotzdem durch diese angemüdete Kindergartenwelt trägt. Knapp zwei Stunden. Keine Pause, und doch schleichen sich gefährliche Längen ein. WERNER BURKHARDT" |

