die deutsche bühne - theater der keller
Die Deutsche Bühne, Dezember 2010

Aufbruch im Keller

STEFAN KEIM


Ob das Theater der Keller im Januar noch spielen wird, ist Anfang Dezember völlig unklar. Dann erst entscheidet der Rat der Stadt Köln, ob er der Empfehlung des Kulturausschusses folgt und dem 1955 gegründeten Privattheater die bisher gewährte Konzeptionsförderung von 170 000 Euro im Jahr entzieht. Das würde bedeuten, dass auch das Land NRW und eine Stiftung ihre Finanzzusagen zurückzögen. „Und dann ist die Hälfte meines Etats weg“, sagt PiaMaria Gehle, seit dem Sommer neue Intendantin des Theater der Keller. Sie hat zwar eine Versicherung als neuen Sponsor aufgetrieben, die 30 000 Euro geben will. Aber das würde nicht ausreichen, wenn die Stadt sich nicht bewegt.
Die Situation ist bekannt, die Theaterleute haben demonstriert und dem Oberbürgermeister 5.555 Unterschriften übergeben. Nun können sie nur noch mit künstlerischen Mitteln gegen ihre Eliminierung kämpfen. Was mit zwei der Eröffnungspremieren eindrucksvoll gelingt. Revolution hat PiaMaria Gehle als Motto des Spielplans ausgerufen und verzichtet weitgehend auf großeTitel. „Die Stücke sollen durch den kleinen Raum gewinnen, nicht in ihn hineingepresst werden“, sagt sie. Deshalb zeigt sie keinen personalreduzierten Klassiker, sondern eine neue Bearbeitung des Romans „Jugend ohne Gott“ . Ödön von Hováths Geschichte eines Lehrers, den die Verrohung und Gewissenlosigkeit seiner Schüler völlig aus der Bahn wirft, spielt zwar während der Nazidiktatur. Doch die Aktualität ist so offensichtlich, dass PiaMaria Gehle in ihrer Einstandsinszenierung als Intendantin keine Verweise auf Amokläufe und jugendliche Gewalttäter benötigt. Makke Schneider ist als Lehrer gleichzeitig Erzähler, der moralische Orientierung und bald auch den Sinn für die Realität verliert. Vier weitere Schauspieler wechseln mit weiß geschminkten Gesichtern fliegend die Rollen, wobei vor allem die junge Julia Kelz durch enorme Präsenz und Präzision auffällt. Ein erotisch selbstbewusstes Waldmädchen verkörpert sie ebenso überzeugend wie den „Fisch“ einen perversen Schüler mit eiskaltem Blick und zeitlupenartigen Bewegungen, gefährlich, ruhig, unmenschlich.

Ein positives Bild der Jugend will Anja Schönes Stück „Till Eulenspiegel“ vermitteln. Vier junge Leute schauen von einem Dach auf die Welt herab und üben mit einem „Till Eulenspiegel –Trainingsplan“ die Weltverbesserung. Doch trotz engagierter Schauspielschüler zündet dieses Stück nicht, wirkt humorlos, konstruiert und altbacken, wie eine Erinnerung an das Jugendtheater der Siebziger.
Packend gelingt dagegen die Bearbeitung des Romans „Böse Schafe“ von Katja Lange – Müller als Theatermonolog. Die Schauspielerin Johanna Marx, lange eine Protagonistin des Dortmunder Schauspiels, hatte die Idee zu diesem Projekt, erstellte in Zusammenarbeit mit der Autorin selbst die Spielfassung, produziert und spielt diesen Abend. In weißem Herrenhemd, hässlichen Strumpfhosen und unförmigen Schuhen steht sie da. Manchmal setzt sie sich aufs Klo, als wäre niemand außer ihr im Raum oder nur intime Vertraute. Sie wirkt verletzlich, ehrlich, nackter als sie ganz ohne Kleidung wäre. So erzählt sie die Geschichte einer aufopferungsvollen Liebe zu einem drogensüchtigen Aidskranken. Von den Illusionen und Träumen, den Abstürzen und den Kampf um den letzten Rest von Gemeinsamkeit. Johanna Marx schafft die Gradwanderung, Momente des Glücks und der Verzweiflung überwältigend direkt zu spielen und gleichzeitig darüber hinaus zu führen. An diesem von Nils Daniel Finckh sehr feinfühlig inszenierten Abend geht es auch darum, wie sich eine Frau über die Erzählung selbst definiert, Klarheit in ihr Leben bekommt und sich eine Zukunft erarbeitet. Ein perfektes Stück für die dichte Atmosphäre imTheater der Keller. Ein überzeugendes Plädoyer für den Fortbestand der Bühne.
 
   "Böse Schafe" für Theaterpreis 2011 vorgeschlagen.